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Intuitiv entscheiden: Der Umgang mit dem Bauchgefühl

Wir treffen Entscheidungen nicht immer aus rationalen Erwägungen. Stattdessen können ganz unterschiedliche Faktoren eine Rolle spielen, wenn wir Lösungen finden oder Antworten suchen: Die Autorinnen dieses Beitrags haben fünf grundlegende Entscheidungsmuster identifiziert: rational-analytisch, intuitiv, sozial gruppendynamisch, systemtheoretisch und ethisch-moralisch. Wann wir am besten auf unsere Intuition hören sollten, erfahren Sie hier.

Intuitiv entscheiden in Unternehmen?

Haben Sie schon einmal erlebt, dass jemand in einer Diskussion eingebracht hat: „Wir sollten das nicht machen, ich habe kein gutes Bauchgefühl!“ Nein? Wir auch nicht. Während wir uns im Privaten eher trauen, auf den inneren Kompass zu vertrauen, fällt uns das im beruflichen Umfeld schwer. Irgendwie scheint es uns nicht professionell, wenn wir Entscheidungen aufgrund von Gefühlen treffen und nicht auf Basis von Daten und Fakten. Doch Fakt ist: unsere Intuition ist in den meisten Fällen nichts anderes als „geronnenes Erfahrungswissen“. Sie erlaubt uns, blitzschnell zu entscheiden und ist das Gegenteil des diskursiven Für und Wider, in dem wir Optionen bewusst abwägen.

Wie das genau funktioniert?

  • Wenn wir intuitiv entscheiden, wenden wir unser Erfahrungswissen an, das uns in Form von größtenteils unbewussten Faustregeln (ganz korrekt wäre: „Urteilsheuristiken“) zur Verfügung steht.
  • Diese Faustregeln basieren auf Fähigkeiten, die wir als Menschen während der Evolution entwickelt haben. Sie sind so individuell wie jede Person, denn sie umfassen unsere Sprache, Wiedererkennungsgedächtnis, Emotionen und Nachahmungen.
  • Wenn wir Urteilsheuristiken anwenden, berechnen wir nicht unterbewusst ein Optimum, sondern konzentrieren uns (wiederum unbewusst) auf eine einzige Information, die uns spontan am wichtigsten erscheint.
  • Ob diese Regel die richtige war, liegt am Kontext der Anwendung. Die Umwelt bestimmt, ob eine Faustregel gut oder schlecht funktioniert, ob die Intuition also hilfreich oder hinderlich war.
  • Somit erschließt sich auch, warum Intuition nicht immer dem Berechnen und Abwägen überlegen ist, was die Qualität der Entscheidung angeht: Um entsprechende Faustregeln aufgebaut zu haben, muss man die dazugehörigen Erfahrungen erst einmal gemacht haben. Sprich: je tiefer die Expertise, desto präziser die Intuition zu einem Thema. Beispielsweise treffen professionelle Golfspieler besser, wenn man ihnen wenig Zeit gibt zur Vorbereitung des Schlags – Golfanfänger hingegen treffen dann schlechter.

Ist Intuition ein Allheilmittel?

Leider nicht… Es gibt diverse Situationen, in denen Intuition verwirrt oder verzerrt. Als HR Professional ist es eine hilfreiche Kompetenz, diese Situationen auseinanderhalten zu können: lassen Sie sich weder von der Intuition der Vorgesetzten einlullen noch die eigene Intuition ausreden. Hier ein kleiner Check:

Intuition hilft zu guten Entscheidungen, wenn …

  1. ein hoher Grad an Komplexität vorliegt. Algorithmen und Simulationen können nicht vorhersagen, welche der vielen vorliegenden Daten zu den Optionen unbrauchbar sind – eine gute Intuition kann das schon, weil sie sich auf wenige, aber hochrelevante Daten bezieht und den Rest ignoriert. Das ist beispielsweise der Fall, wenn viele Stakeholder auf ein Projekt Einfluss üben – mit unterschiedlichen Informationen, Erwartungen, Wünschen in bestimmten Machtverhältnissen.
  2. Kreativität gefragt ist! Über unsere Intuition sind wir (dank unseres Erfahrungsgedächtnisses) in der Lage, Situationen schnell zu erfassen und bekannte Muster auf neuartige Situationen anzuwenden. Intuitiv denken wir, es braucht ein Townhall-Meeting und schlagen das der Führungskraft vor, obwohl dieses Format im Unternehmen noch nie ausprobiert wurde.
  3. es nicht logisch zugeht. Nur in Büchern und Filmen ergibt menschliches Verhalten und Entscheiden einen Sinn. In der Realität werden logische Regeln ständig verletzt. Dank unserer Intuition sind wir oft in der Lage, das Gemeinte trotzdem zu verstehen.
  4. es einfach keine optimale Lösung gibt. Unsere Daten und Fakten sind so oft lücken- und fehlerhaft, dass Intuition (abgesehen von Willkür) die einzige Möglichkeit ist, um überhaupt Entscheidungen treffen zu können.
  5. es um persönliche Grenzen geht. Intuition macht sich als Körperempfindung (Bauch, Kopf, Brust, …) bemerkbar. Wer seine eigenen Empfindungen deuten kann, spürt, wenn eigene Grenzen verletzt werden, kann innehalten und das Erlebte überdenken und bewerten.

Aber es gibt auch die Kehrseite der Medaille. Intuition ist kein guter Ratgeber, bei…

  1. zu wenig Wissen. Wie schon erwähnt, braucht es Erfahrung, um zu soliden Faustregeln zu kommen.
  2. zu viel Wissen. Andererseits funktionieren manche Faustregeln nicht mehr, wenn man schon zu viel Hintergrundwissen hat. Versuche zum Erstellen eines gewinnbringenden Aktienportfolios haben bewiesen, dass eine Gruppe Laien mit der einfachen Faustregel „kaufe die Aktien, die du kennst und verteile dein Geld gleichmäßig“ immer bessere Ergebnisse erzielte als jeder einzelne Experte.
  3. zu viel Zeit. Gibt man einem Experten (wie dem oben erwähnten Golfspieler) zu viel Zeit, lässt er sich mehr und mehr von eigentlich unwichtigen Details verwirren.
  4. zu vielen Optionen. Unser Unterbewusstes ist sehr gut darin, bei wenigen Optionen spontan die (für uns) passende auszuwählen. Eine große Anzahl an Optionen braucht die bewusste Reflexion und Auswahl und unsere Intuition ist überfordert.
  5. komplett neuen Herausforderungen. Keine Erfahrung = keine Faustregel = keine gute Intuition. Auch wenn sich Grundmuster oft ähneln und Übertragung auf einen neuen Kontext ermöglichen: Bei ganz neuem Rahmen lässt unsere Intuition uns im Stich.
  6. gezielter Ausnutzung. Werbefachleute (sowie Politiker, Meinungsmacher, etc.) nutzen bestimmte, bei den meisten Menschen vorhandene Faustregeln gerne aus. Die Rekognitionsheuristik „wovon ich schon mal gehört habe, ist besser als etwas, das mir völlig neu ist“ führt beispielsweise zum gesamten Feld der nichtinformativen Werbung.

Sehen Sie Entscheidungen in Ihrem Umfeld getroffen, die lieber mehr oder weniger Intuition gebraucht hätten? Mit etwas Übung entwickeln Sie bessere Antennen dafür, wann Sie/Ihr Team/Ihre Führungskräfte von intuitiven Entscheidungen profitieren könnten. Die eigene Intuition gezielt wahrzunehmen und zu nutzen, fällt vielen Personen schwer. Mit der nachfolgenden Methode gelingt der Draht zum Bauchgefühl.

Tool: Affektbilanzen

Fangen Sie bei sich an und ermutigen Sie dann auch andere zu dem Versuch, Gefühl und Verstand in Einklang zu bringen. Wir freuen uns über Ihre Rückmeldung!

Mehr zum Thema

Lesen Sie auch die folgenden Blogbeiträge von Annika Serfass und Doris Schäfer:

Entscheiden mit den 6 Hüten des Denkens.
Im Team entscheiden: Verantwortung delegieren und regeln.

Literaturtipps

  • Weniger schlecht entscheiden: Praktische Entscheidungstools für agile Zeiten im HR-Management. In: personal manager 2/2023.
  • Weniger schlecht entscheiden. Praktische Entscheidungstools für agile Zeiten. Von Annika Serfass und Doris Schäfer. Vahlen 2021.
  • Bauchentscheidungen. Die Intelligenz des Unbewussten und die Macht der Intuition. Von Gerd Gigerenzer. Goldmann 2008.
  • Das Geheimnis kluger Entscheidungen. Von Bauchgefühl und Körpersignalen. Von Maja Storch. Piper 2011.

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Annika Serfass

Organisationsberaterin, Trainerin | www.annikaserfass.de
Als strategische Organisationsberaterin begleitet Annika Serfass (annika@annikaserfass.de) Unternehmen in Veränderungsprozessen sowie in der Strategie- und der Organisationsentwicklung. Außerdem bietet sie Trainings und hält Vorträge zu Themen wie Entscheidungsfindung, Agilität oder Innovation.
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Doris Schäfer

Organisationsberaterin, Trainerin, Coach bei huds.at | www.huds.at
Doris Schäfer (doris.schaefer@huds.at)begleitet Unternehmen als Personalistin und systemische Organisationsberaterin bei HR-Transformationen, in Auswahlverfahren, bei Newplacement-Prozessen sowie in der Unternehmensentwicklung. Sie ist außerdem als Trainerin und Coach tätig.