Fachkräfte aus dem Ausland rekrutieren

Unternehmen haben zunehmend Schwierigkeiten damit, ihre offenen Stellen mit geeigneten Fachkräften zu besetzen. Daher gewinnt internationales Recruiting an Bedeutung. Doch in welchen Ländern sollten Unternehmen nach passendem Personal suchen? Welche Qualifikationen sind auf internationalen Arbeitsmärkten verfügbar – und für welche Unternehmen lohnt es sich, Arbeitskräfte aus dem Ausland nach Österreich zu holen?

der Anteil der Menschen im erwerbsfähigen Alter sinkt.Die Situation am österreichischen Arbeitsmarkt hat sich in den vergangenen Jahren stark verändert. Zwar sind nicht alle Branchen vom Fachkräftemangel gleich stark betroffen, aber für immer mehr Unternehmen wird es zunehmend schwierig, offene Stellen zu besetzen. Laut dem „Mittelstandsbarometer 2024“ des Beratungsunternehmens EY haben 82 Prozent der österreichischen Unternehmen Probleme, Fachkräfte zu finden. Nach Angaben der Wirtschaftskammer Österreich (WKÖ) fehlen österreichweit rund 210.000 Fachkräfte. Und auch wenn sich die Situation am Arbeitsmarkt aufgrund der konjunkturellen Entwicklung etwas eingetrübt hat, ist allein aus demografischen Gründen davon auszugehen, dass sich die Situation in den kommenden Jahren weiter verschärfen wird. Denn der Anteil der Menschen im erwerbsfähigen Alter sinkt.

Internationaler Wettbewerb um Talente

Laut Statistik Austria wird die Bevölkerung im Alter von 20 und 65 Jahren in Österreich allein zwischen 2022 und 2030 um rund 120.000 Personen zurückgehen (siehe Grafik S. 14 oben). Dazu kommt, dass Österreich in den vergangenen Jahren sehr stark von der Arbeitskräftemobilität innerhalb der EU profitiert hat, gerade nach der Osterweiterung. Doch mittlerweile ist die Demografie in den ost- und südosteuropäischen Ländern ähnlich wie in Österreich. Auch diese Länder leiden unter einer alternden Gesellschaft und einem zunehmenden Fachkräftemangel.

So nimmt der internationale Wettbewerb um qualifizierte Fachkräfte zu. Österreich steht dabei heute in Konkurrenz mit vielen Industriestaaten – darunter klassische Einwanderungsländer wie die USA und Kanada, aber auch Nachbarländer. Gerade Deutschland ist bei der internationalen Suche nach Arbeitskräften sehr aktiv, da es besonders stark vom demografischen Wandel betroffen ist.

Neue Wege und neue Märkte

Daher spielen die internationale Suche und Ansprache von Arbeitskräften eine zunehmend wichtige Rolle für hiesige Unternehmen, wenn sie Vakanzen adäquat besetzen möchten. Damit Fachkräfte aus dem Ausland österreichische Arbeitgeber:innen kennenlernen, arbeitet die Austrian Business Agency (ABA) als Standortagentur der Republik Österreich mit dem Bundesministerium für Arbeit und Wirtschaft (BMAW) und der Wirtschaftskammer Österreich (WKÖ) daran, Aufmerksamkeit für Österreich als Arbeitsstandort zu schaffen (siehe Infobox auf S. 15).

Analysen zeigen, dass künftig insbesondere Brasilien, Indonesien und die Philippinen interessante Märkte sind. Denn sie weisen eine stark wachsende Bevölkerung auf und verfügen über gut ausgebildete Fachkräfte. Auf den Philippinen ist die Arbeitsmigration, vor allem in der Pflege, heute ein relevanter Wirtschaftsfaktor. Es gibt auf den Philippinen aber auch viele Talente im MINT- und Life-Sciences-Bereich, die für österreichische Unternehmen interessant sein können.

Anlässlich der österreichisch-philippinischen Friendship Week 2024 hat die ABA eine
Social-Media-Challenge organisiert, und Philippiner:innen in Österreich dazu eingeladen, mittels Video oder Foto zu zeigen, warum Österreich eines der besten Länder für philippinische Fachkräfte ist. Die Resonanz aus der philippinischen Community zu dieser Pilotaktivität war sehr gut.

Brasilien wiederum weist nicht nur eine hohe Bevölkerungsdichte auf, Brasilianer:innen sind auch überaus mobilitätsbereit und viele haben europäische Wurzeln. Vor allem im IT-Sektor sind junge Menschen in Brasilien sehr gut ausgebildet und mobil. Das mit rund 214 Millionen Einwohner:innen größte südamerikanische Land bietet daher großes Potenzial für österreichische Arbeitgeber.

Als eine der ersten großen Aktivitäten in Brasilien hat die ABA mit der WKÖ im vergangenen Jahr einen Hackathon veranstaltet, um auf den Arbeits- und Lebensstandort Österreich aufmerksam zu machen und brasilianische IT-Fachkräfte auf kreative Weise anzusprechen. Österreichische Unternehmen hatten zudem die Möglichkeit, als Kooperationspartner Zugang zu brasilianischen IT-Fachkräften zu bekommen und sich von ihren Fähigkeiten zu überzeugen. Rund 120 brasilianische Studierende und Young Professionals wurden aus über 330 Bewerber:innen ausgewählt und haben innerhalb von 24 Stunden ein Konzept zu einer spezifischen Themenstellung erarbeitet und dieses mittels Video aufbereitet. Letztendlich konnte sich ein fünfköpfiges Siegerteam mit dem Projekt „Welcome to the Energy Revolution with SunCredit!“ durchsetzen und wurde zu einer Österreichreise mit zahlreichen Betriebsbesichtigungen und Vernetzungsevents eingeladen.

Indonesien ist ein weiteres Fokusland, das allein aufgrund seiner Einwohnerzahl ein großes Potenzial aufweist. Dazu kommt, dass bereits einige österreichische Ausbildungseinrichtungen vor Ort aktiv sind. Indonesien hat großes Interesse an der Vermittlung der Fachkräfte und unterstützt mit einem eigens dafür eingerichteten Ministry of Manpower. Darüber hinaus war WORK in AUSTRIA in den vergangenen Jahren in den EU-Staaten Polen, Kroatien, Rumänien und Bulgarien präsent und seit 2023 auch in Spanien und Portugal sowie in Albanien, Kosovo und Nordmazedonien.

Vom Recruiting bis zum Onboarding

Viele Unternehmen stellen sich die Frage: Lohnt es sich für uns überhaupt, international zu rekrutieren? Die Antwort darauf ist simpel: Für Arbeitgeber:innen ist es jedenfalls sinnvoll, sich angesichts der demografischen Entwicklung frühzeitig mit diesem Thema zu befassen, um Zugang zu einem spannenden Pool an Bewerber:innen zu gewinnen.

Es liegt auf der Hand, dass Unternehmen beim internationalen Recruiting grundsätzlich mehr Zeit einrechnen sollten als bei der Besetzung aus dem Inland. Zum Teil müssen sie Qualifikationen abklären, zum Teil sind Deutschkenntnisse erforderlich und Verfahren wie das zur „Rot-Weiß-Rot“-Karte zu durchlaufen.

Neben dem Aufwand, den internationales Recruiting mit sich bringt, treibt gerade viele Mittelständler die Frage um, ob sie im internationalen Wettbewerb bestehen können. Unserer Erfahrung nach achten internationale Fachkräfte auf Karriere- und Entwicklungschancen, sie wünschen sich eine gewisse Flexibilität und Unterstützung beim Spracherwerb. Arbeitgeber:innen können mit Unterstützung beim Spracherwerb punkten, eventuell auch bei der Wohnungssuche beziehungsweise mit Tipps zu Dual Career, also den Jobchancen für die Partnerin beziehungsweise den Partner. Besondere Aufmerksamkeit können Unternehmen durch bereits im Betrieb beschäftigte internationale Fachkräfte als Testimonials gewinnen.

Sind die neuen Fachkräfte gewonnen, sollten Unternehmen dem Onboarding in den ersten Wochen und Monaten viel Aufmerksamkeit widmen, um Frühfluktuation zu vermeiden. Betriebsinterne Guides können den neuen Teammitgliedern den Einstieg in Österreich und im Betrieb erleichtern. Idealerweise nimmt dieser Guide noch vor der Einreise der Fachkraft ins Land Kontakt mit ihr auf und unterstützt sie. So festigen sich die Beziehungen zum Unternehmen. Weiters ist es hilfreich, so früh wie möglich transparente Informationen zum Leben und Arbeiten in Österreich bereitzustellen.

Unternehmen können sich entscheidende Wettbewerbsvorteile verschaffen, wenn sie – im Rahmen der betrieblichen Notwendigkeit – flexibel bei den Anforderungen an Deutschkenntnisse sind. Viele Fachkräfte sind motiviert, Deutsch zu lernen, allerdings ist ein Sprachlevel von B2 und höher beim Einstieg für viele eine große Hürde. Sehr attraktiv ist eine begleitende Unterstützung auch nach der Beschäftigungsaufnahme.

Noch immer gibt es in vielen Unternehmen Berührungsängste, wenn es um internationales Recruiting geht. Doch diese sind teilweise unbegründet. So ist das Verfahren zur „Rot-Weiß-Rot“-Karte seit der Reform deutlich einfacher geworden – und Unternehmen erhalten viel Unterstützung bei der Antragstellung. Es lohnt sich, diese Services in Anspruch zu nehmen. Denn eines steht fest: Wer sich im internationalen Wettbewerb um Talente auch außerhalb Österreichs umsieht und Fachkräften eine attraktive Arbeits- und Lebensumgebung bietet, wird auch nachhaltig wirtschaftlich davon profitieren.

// Austrian Business Agency (ABA)
Die österreichische Standortagentur Austrian Business Agency (ABA) macht als Tochtergesellschaft des Bundesministeriums für Arbeit und Wirtschaft (BMAW Österreich) bei internationalen Unternehmen, Spitzenkräften und Filmproduzent:innen attraktiv. Mit ihren drei Geschäftsbereichen INVEST in AUSTRIA, WORK in AUSTRIA und FILM in AUSTRIA berät und unterstützt die ABA kostenlos internationale Unternehmen, Spitzenkräfte und Filmproduktionen bei allen Fragen rund um den Wirtschafts-, Forschungs- und Arbeitsstandort sowie Österreich als Drehort.
www.aba.gv.at

// Unterstützung für österreichische Unternehmen
WORK in AUSTRIA bringt internationale Fachkräfte mit österreichischen Arbeitgebern zusammen. Dazu unterstützen wir Unternehmen in Österreich bei der Suche von internationalen Mitarbeiter:innen aus dem Ausland, zum Beispiel über Karriereevents, Kooperationen mit Hochschulen und Direktansprache von internationalen Fachkräften beziehungsweise Absolvent:innen. Der Fokus liegt dabei auf dem MINT- und Life-Sciences-Sektor.
Internationale Fachkräfte und ihre Familien profitieren von den Informationen der ABA zu aufenthaltsrechtlichen Themen und zum Leben und Arbeiten in Österreich. Dazu gehört auch die individuelle Beratung im Verfahren zur „Rot-Weiß-Rot“-Karte und anderen arbeitsmarktrelevanten Aufenthaltstiteln. Die Leistungen stehen sowohl Unternehmen als auch Fachkräften und ihren Familienangehörigen als Service der Republik Österreich kostenfrei zur Verfügung.
Unternehmen können offene Stellen kostenfrei auf dem Talent Hub von WORK in AUSTRIA unter jobs.workinaustria.com inserieren. WORK in AUSTRIA bewirbt den Talent Hub international, wodurch Unternehmen einen deutlich größeren Radius beim Zugang zu Fachkräften gewinnen. Gibt es einen Match zwischen Arbeitgeber und Fachkraft, so unterstützt WORK in AUSTRIA beide Seiten im Zuwanderungsverfahren, etwa beim Beantragen der „Rot-Weiß-Rot“-Karte. Sowohl große Konzerne als auch Klein- und Mittelbetriebe oder Start-ups nutzen die Services.
WORK in AUSTRIA unterstützt zudem internationale Studierende an österreichischen Universitäten dabei, nach dem Abschluss eine Beschäftigung in Österreich aufzunehmen. Eine weitere Zielgruppe sind Auslandsösterreicher:innen, die mit dem Gedanken spielen, wieder nach Österreich zurückzukehren.
www.workinaustria.com/unsere-services/services-fuer-arbeitgeber

Dieser Artikel stammt aus der personal manager Ausgabe 4/24

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Margit Kreuzhuber

Leitung WORK in AUSTRIA bei Austrian Business Agency