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KI in der Personalentwicklung: Einheitsbrei oder echte Individualisierung?

KI (künstliche Intelligenz) verändert die Personalentwicklung grundlegend – oft schneller, als Organisationen sich darauf einstellen können. Etablierte Vorgehensweisen geraten unter Druck, während neue Möglichkeiten entstehen. Doch was bedeutet das konkret für die Rolle von Personalentwickler:innen? Und wie lässt sich KI sinnvoll nutzen, ohne Didaktik, Ethik und Haltung aus dem Blick zu verlieren?

Mit welcher Dynamik künstliche Intelligenz die Arbeitswelt verändert, zeigt der Vergleich mit früheren Technologien. Während das Telefon Jahrzehnte benötigte, um eine Million Nutzer:innen zu erreichen, verkürzten sich diese Zeiträume beim Internet auf wenige Jahre und bei sozialen Plattformen wie Facebook auf wenige Monate. Anwendungen wie ChatGPT und Co. erreichten dieselbe Größenordnung an Nutzer:innen innerhalb weniger Tage. Während wir also noch das nächste Führungskräftetraining planen, verändern neue KI-Anwendungen bereits die Rahmenbedingungen, unter denen Menschen lernen, arbeiten und sich entwickeln.

Wie die Personalentwicklung auf diese Entwicklungen reagiert, zeigt der „L&D Report 2025“ von Masterplan und Amadeus Fire. 62 Prozent der Unternehmen im DACH-Raum betrachten KI als das wichtigste Weiterbildungsthema. Doch nur 35 Prozent bieten entsprechende Schulungen an und 52 Prozent verfügen nicht einmal über eine zentrale digitale Lernplattform. Die strategische Bedeutung von KI wird erkannt, ihre systematische Verankerung in der Personalentwicklung steht jedoch vielfach noch aus.

Entscheidend ist dabei nicht, ob KI in die Personalentwicklung Einzug hält, sondern in welcher Weise sie dort wirksam wird und wer diese Entwicklung mitgestaltet. Wer diese Frage nicht aktiv angeht, riskiert, dass andere – IT, Fachbereiche oder externe Anbieter – diese Rolle übernehmen. Dieser Beitrag richtet sich an jene Personalentwickler:innen, die nicht abwarten wollen, bis andere definieren, was KI für ihre Arbeit bedeutet.

Was KI in der Personalentwicklung verändert

Lange Zeit wurde Lernen in der Personalentwicklung vor allem in formalen, geplanten und klar strukturierten Formaten gedacht und organisiert. Im Mittelpunkt standen Seminare, Trainings und andere didaktisch aufbereitete Lerneinheiten, die zeitlich, inhaltlich und organisatorisch meist von der eigentlichen Arbeitssituation getrennt waren. KI verändert dieses Verständnis nicht von Grund auf, macht aber seine Grenzen sichtbarer. Sie zwingt uns, das Bild zu erweitern – hin zu Lernökosystemen, in denen formelles, informelles und soziales Lernen stärker miteinander verbunden sind.

Inwieweit Unternehmen dieses breitere Verständnis von Lernen bereits in ihrer Personalentwicklung aufgegriffen haben, zeigt unter anderem das Learning Maturity Model der Josh Bersin Company von Februar 2026, das den Reifegrad lernender Organisationen veranschaulicht. Insgesamt unterscheidet Josh Bersin vier Reifegrade des Corporate Learnings in Unternehmen, nämlich statisches Training, skaliertes Lernen, integrierte Entwicklung und dynamisches Enablement (Josh Bersin 2026).

Rund ein Drittel der untersuchten Organisationen setzen noch auf klassische Kursformate, etwa für Compliance- oder Onboardingtrainings. 46 Prozent operieren auf Stufe zwei, auf der zwar mehr Lernoptionen zur Verfügung stehen, eine Individualisierung der Lernangebote jedoch ausbleibt.

Die wenigen Unternehmen auf der höchsten Stufe – auf der KI Wissen aus Kursen, Dokumenten und Praxiserfahrung zusammenführt – berichten von 40 bis 50 Prozent Einsparungen bei den Weiterbildungs- und Personalentwicklungskosten. Dabei weisen die Weiterbildungen gleichzeitig eine höhere Wirksamkeit auf. Zudem werden diese Unternehmen deutlich häufiger als Innovationsführer und als wesentlich anpassungsfähiger eingeordnet.

30 bis 50 Prozent Einsparungen durch KI

Das Reifegradmodell zeigt nicht nur, wie weit Unternehmen in der Entwicklung lernender Organisationen fortgeschritten sind. Es verweist auf ein breiteres Verständnis von Lernen, das über einzelne Trainingsformate deutlich hinausgeht. Damit wird erkennbar, dass die Einsatzfelder von KI in der Personalentwicklung breiter sind, als häufig vermutet. Die Technologie eignet sich vor allem für Bereiche, in denen Lernen individueller, arbeitsnäher und flexibler unterstützt werden kann (Haufe Akademie 2025). Ein Beispiel dafür sind adaptive Lernsysteme, die Lernpfade an Vorkenntnisse, Lernfortschritt und Kompetenzlücken anpassen. Doch auch beim Erstellen von Lerninhalten lässt sich KI einsetzen und verändert damit die Content-Produktion im Learning & Development deutlich (Porath 2025).

Künstliche Intelligenz ersetzt die Personalentwicklung nicht, sie verändert aber ihre Schwerpunkte. Learning Professionals werden künftig weniger Zeit auf das Erstellen und Administrieren von Inhalten verwenden und stattdessen vermehrt Lernarchitekturen gestalten, Qualität sichern und Veränderungsprozesse begleiten.

Personalentwicklung muss mehr sein als eine Abteilung, die Trainings organisiert. Sie muss zu einer strategischen Instanz werden, die Skill- und Lernsteuerung betreibt.

KI-Anwendungen in der Personalentwicklung

Personalentwickler:innen können KI vielseitig nutzen:

  • Generative KI-Chatbots wie Microsoft Copilot-Chat oder ChatGPT unterstützen bei der Erstellung von Lernmaterialien, Reflexionsfragen, Quizzen und E-Learning-Storyboards – unabhängig davon, ob es um die Ausgabe der Inhalte in verschiedenen Sprachen oder um die Aufbereitung je Anforderungsniveau geht. Aus umfangreichen Dokumenten lassen sich Micro-Learnings und zielgruppenspezifische Praxisfragen ableiten.
  • Auch in konzeptionellen Prozessen lässt sich KI als Sparringspartner nutzen – beim Brainstorming, beim Strukturieren von Ideen oder beim Entwickeln erster Entwürfe.
  • Als individueller Lernbegleiter springt die Technologie dort ein, wo Mitarbeitende situativ Informationen oder Orientierung benötigen.
  • In der Führungskräfteentwicklung entstehen zusätzliche Möglichkeiten, wie KI-gestützte Rollenspiele und Gesprächssimulationen – zeitlich flexibel, anonym und ohne Gesichtsverlust.
  • Im Skill- und Kompetenzmanagement gibt es ebenfalls Anwendungspotenzial: KI analysiert Stellenprofile, Lernhistorien und Leistungsdaten und leitet daraus Gap-Analysen und Lernempfehlungen ab.
  • Ein weiterer Mehrwert liegt darin, dass KI Mitarbeitenden ermöglicht, sich Tätigkeiten zu erschließen, die außerhalb ihres Erfahrungsbereichs liegen – etwa die Erstellung einfacher HTML-Codes für SharePoint-Seiten oder Lernmanagementsysteme.

Die genannten Anwendungsbereiche markieren wohl erst den Beginn. Denken wir einige Jahre weiter, wird voraussichtlich jede Mitarbeiterin und jeder Mitarbeiter einen personalisierten KI-Lernbegleiter haben – on demand verfügbar als Avatar, Coach und Sparringspartner, der auf die aktuelle Arbeitssituation reagiert, Feedback gibt und Wissen genau dann bereitstellt, wenn es gebraucht wird.

Damit verändert sich die Rolle der Personalentwicklung grundlegend. Sie wird nicht mehr jedes Lernformat selbst konzipieren, sondern Inhalte kuratieren, Datenqualität sicherstellen und den didaktischen Rahmen gestalten. Die Lernenden entscheiden zunehmend selbst oder mithilfe ihrer KI-Assistenz, in welcher Form sie Inhalte konsumieren wollen, ob als Video, Podcast, Übung oder Gespräch mit einem Avatar. Was bleibt, ist die Verantwortung für Qualität, Relevanz und Haltung.

Chancen, Risiken und die Gefahr des KI-Einheitsbreis

Die Chancen dieser Entwicklung liegen auf der Hand: skalierbare Personalisierung, Entlastung bei Routineaufgaben und zielgruppenspezifischere Inhalte. Learning Analytics und Gap-Analysen machen Entwicklungsbedarfe sichtbarer und helfen, Lernangebote besser zu begründen.

Doch mit diesen Chancen wachsen auch Risiken. Wenn Unternehmen dieselben Tools und Standardprompts verwenden, entstehen Inhalte, die glatt wirken, aber austauschbar bleiben. Das Problem liegt dabei nicht in der Standardisierung von Technologie, sondern in der Standardisierung von Lernlogiken – wenn KI eher generischen Mustern folgt als den tatsächlichen Zielen der Personalentwicklung.

Eine Studie von DataCamp und YouGov unter mehr als 500 Unternehmensentscheider:innen vom März 2026 verweist auf ein beunruhigendes Paradox. 82 Prozent der Unternehmen bieten bereits KI-Trainings an, zugleich fehlt es aus Sicht vieler Führungskräfte weiterhin an den notwendigen KI-Kompetenzen im Unternehmen. Die Ursachen liegen nicht im Zugang zu den Tools, sondern in der Qualität des Lerndesigns. So nennen 23 Prozent videobasierte Kurse als Hürde für den Praxistransfer, während 24 Prozent fehlende Hands-on-Projekte bemängeln. KI-Wissen wird somit zwar in vielen Fällen vermittelt und konsumiert, findet aber kaum den Weg in die praktische Anwendung (Heldmann 2026).

KI-Wissen wird unzureichend angewendet.

Hinzu kommt die Gefahr der Qualitätsillusion, da KI-generierte Inhalte oft professionell wirken, es aber inhaltlich nicht automatisch sind. Mehr Content bedeutet nicht mehr Lernen.

Mitarbeitende brauchen Orientierung, Priorisierung und Zeit zum Ausprobieren. Die Gefahr liegt daher nicht in der KI selbst, sondern in einer schlechten Personalentwicklung mit KI.

Ethik, Bias und Fairness — ein Kompass für die Personalentwicklung

Mit der wachsenden Bedeutung von KI in der Personalentwicklung rücken ethische Fragen in den Vordergrund. Sie sind insbesondere dort entscheidend, wo KI Lerninhalte erstellt, Empfehlungen ableitet oder Bewertungsprozesse unterstützt. Bias kann dabei viele Formen annehmen, von geschlechterstereotypen Beispielen bis hin zu Skill-Bewertungen, die Gruppen systematisch benachteiligen.

Die Personalentwicklung muss daher kritisch hinterfragen, welche Daten genutzt werden, wie Empfehlungen entstehen und wen sie benachteiligen könnten. Fünf Leitfragen helfen dabei im Alltag:

  • Würden wir diese Empfehlung auch ohne KI vertreten?
  • Verstehen Mitarbeitende, dass KI beteiligt ist, und ist nachvollziehbar, wie Ergebnisse zustande kommen?
  • Wer könnte durch diese Entscheidungen systematisch benachteiligt werden?
  • Wie regelmäßig prüfen wir unsere KI-gestützten Angebote?
  • Auf welche Weise können Mitarbeitende problematische Ergebnisse rückmelden?

Solche Fragen sollten nicht nur in Policys und internen KI-Richtlinien verankert sein, sondern zu einem festen Bestandteil der täglichen Arbeit werden. Regelmäßige Bias-Audits, eine kritisch geprüfte Datenbasis und interdisziplinäre Prüfroutinen unter Beteiligung von HR, IT, Betriebsrat und Legal sind deshalb eine Voraussetzung für einen verantwortungsvollen Einsatz von KI in Lern- und Entwicklungsprozessen.

Neue Rollen und Kompetenzen der Personalentwicklung

Wie die Studie Global Human Capital Trends von Deloitte hervorhebt, gestalten erfolgreiche Organisationen Arbeit bewusst neu und nutzen menschliche Fähigkeiten im Zusammenspiel mit KI gezielt (Poynton et al. 2026). Für die Personalentwicklung bedeutet das keine punktuelle Anpassung, sondern eine spürbare Verschiebung von Rollen und Kompetenzen.

  • Von der Trainingsplanung zur Lernarchitektur: Personalentwicklung gestaltet nicht mehr Seminarreihen, sondern das ganze Lernökosystem. KI stellt dabei die infrastrukturelle Grundlage und die menschliche Expertise fungiert als Leitplanke.
  • Von der Inhaltserstellung zur Kuratierung: Die Fähigkeit, KI-generierte Inhalte kritisch zu bewerten, didaktisch einzuordnen und qualitativ abzusichern, wird zur Kernkompetenz. Entscheidend ist nicht allein die Frage „Kann ich prompten?“, sondern „Kann ich beurteilen, ob das Ergebnis gut genug ist?“ und „Ist die Datengrundlage die richtige?“.
  • Von der Bedarfserhebung zur Dateninterpretation: Statt einmal jährlich Bedarfe abzufragen, arbeitet Personalentwicklung mit Echtzeitdaten aus Skill-Analysen, Lernverläufen und Business-KPIs. Die Fähigkeit, aus diesen Daten Handlungsempfehlungen abzuleiten, macht Personalentwicklung zum strategischen Partner der Geschäftsführung.
  • Vom Einzelkämpfer zum Orchestrator: Personalentwicklung baut Brücken zwischen IT, Fachabteilungen, Betriebsrat und Geschäftsführung. Sie sorgt dafür, dass KI-Lerninitiativen nicht als isolierte Projekte entstehen, sondern in die Unternehmensstrategie eingebettet sind.

Der 5-Schritte-Plan für jede Personalentwicklung

Wer KI in der Personalentwicklung strategisch nutzen will, braucht keinen perfekten Masterplan, sondern einen pragmatischen Fahrplan.

  • Das eigene KI-Lernen ernst nehmen. Starten Sie mit einem zwei- bis dreiwöchigen Selbstexperiment. Nutzen Sie KI täglich für typische Personalentwicklungsaufgaben und reflektieren Sie systematisch, was funktioniert und was nicht.
  • Ein erstes Einsatzfeld auswählen. Sinnvoll ist ein klar umrissener Bereich, etwa Onboarding, Pflichtschulung oder Führungskräfteentwicklung. Wichtig ist, das zu lösende Problem möglichst präzise zu benennen.
  • Einen kleinen KI-Piloten aufsetzen. Ein erster Pilot braucht eine klare Zielgruppe, ein definiertes Zielbild und einen realistischen Scope. Hilfreich ist auch, frühzeitig ein bis zwei Fachbereiche ins Boot zu holen und ein erstes, funktionsfähiges Produkt zu erstellen, das sich schnell ausprobieren und iterativ verbessern lässt.
  • Leitplanken und Kommunikation klären. Wie nutzen wir KI im Lernen und wie nicht? Dazu gehört, relevante Schnittstellen wie Betriebsrat, Legal und IT frühzeitig einzubinden und offen zu kommunizieren, dass zunächst getestet, gelernt und nachgeschärft wird.
  • Auswerten, lernen, skalieren. Ein Pilot entfaltet nur dann echten Wert, wenn er ausgewertet wird. Dazu gehören Feedback, Wirkungsbeobachtung und die Frage, was sich in der Praxis tatsächlich bewährt hat. Erst auf dieser Grundlage lässt sich entscheiden, ob ein Ansatz gestoppt, verbessert oder skaliert werden sollte.

Personalentwicklung, die heute gestaltet, wird morgen gebraucht

KI verändert die Personalentwicklung nicht nur auf der Ebene einzelner Tools, sondern in ihrem Selbstverständnis. Lernangebote lassen sich schneller, gezielter und bedarfsnäher gestalten. Doch ohne Qualitätssicherung droht didaktisch schwacher Einheitsbrei. Entscheidend ist nicht, ob, sondern wie die Personalentwicklung KI einsetzt. Laut LinkedIn veralten 70 Prozent aller jobbezogenen Skills jährlich (LinkedIn Corporate Communications 2025). Zugleich berichtet OpenAI, dass ChatGPT bereits von mehr als 900 Millionen Menschen pro Woche genutzt wird und 60 Prozent von ihnen dabei Neues lernen (OpenAI 2026) – unabhängig davon, ob Personalentwicklungsabteilungen diese Entwicklung bereits aktiv gestalten oder nicht. Unternehmen brauchen keine perfekte KI-Strategie, sondern Personalentwicklungsteams, die mutig lernen, experimentieren und reflektieren. Personalentwicklung, die heute sichtbar ins Tun kommt, statt im stillen Kämmerchen an der perfekten Konzeption zu feilen, wird morgen den Unterschied machen! Also worauf noch warten? Startet eure Lernreise!

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Carina Ebli-Korbel

ist Team Leader People Development & Learning bei AVL List. Außerdem gehört sie zum Organisationsteam der Corporate Learning Community Österreich (CLCA).
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Franziska Morgenbesser

ist Expertin für People Development & Learning bei AVL List.