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Rund 420 Lehrlinge in mehr als 20 Berufen und jährlich etwa 120 Neueinstellungen: Die Lehrlingsausbildung hat bei der PORR Österreich einen hohen Stellenwert. Im Interview erklärt Aneta Policarpová, Leiterin des Lehrlingsmanagements, wie das größte Bauunternehmen des Landes potenzielle Nachwuchskräfte auswählt und auf ihrem Weg begleitet.
Frau Policarpová,wie sprechen Sie potenzielle Lehrlinge an und interessieren sie für eine Ausbildung bei der PORR?
Im Lehrlingsrecruiting setzen wir auf drei zentrale Säulen:
Die erste ist der persönliche Kontakt. Wir bieten beispielsweise auf Berufsmessen Mitmachstationen an, die Jugendliche nutzen können, um Tätigkeiten auszuprobieren. Außerdem besuchen wir Schulen und laden zu Baustellenbesichtigungen oder Führungen auf unserem Ausbildungscampus ein.
Die zweite Säule bilden Social-Media-Kampagnen, die unser Employer-Branding-Team gestaltet. Dafür produzieren wir eigene Videos, in denen wir die Vielfalt unserer Lehrberufe zeigen und Vorbilder sichtbar machen.
Als dritte Säule stellen wir unsere Lehrberufe digital an Schulen in ganz Österreich vor. Dafür arbeiten wir mit einem externen Anbieter zusammen. Die Schulen wählen sich online ein, und wir präsentieren ihnen unsere Ausbildungsangebote.
Wie gestalten Sie die Ansprache in den sozialen Medien?
Wir betreiben einen Karrierekanal auf Instagram und orientieren uns bei unseren Reels auch an aktuellen Trends. Für unsere bezahlten Kampagnen nützen wir aber auch andere Kanäle wie TikTok oder Snapchat. Die Videos sind kurz, niederschwellig und vermitteln eine prägnante Botschaft. Dabei sprechen wir die Sprache der Jugendlichen, zeigen aber auch unterschiedliche Altersgruppen und Lebenswege. Unsere Lehrlinge sind zwischen 15 und 38 Jahre alt. Die Belegschaft der PORR ist sehr vielfältig und das gilt auch für unsere Lehrlinge.
Teilweise arbeiten wir in der Lehrlingsansprache mit externen Influencerinnen und Influencern zusammen. Aber der Schwerpunkt liegt auf eigenen Videos. Darin wirken ausschließlich eigene Mitarbeitende und Lehrlinge mit. Sie kennen den Arbeitsalltag und wirken deshalb glaubwürdig. So holen wir zum Beispiel gezielt Mädchen vor dem Vorhang, die auf unseren Baustellen tätig sind. Zuletzt haben wir außerdem eine Kampagne entwickelt, die sich an Eltern richtet. Denn sie spielen bei der Berufswahl eine wichtige Rolle.
Wie ist das Lehrlingsrecruiting organisiert?
Das Employer Branding steuern wir zentral, das Recruiting findet regional statt. Die PORR ist in allen Bundesländern vertreten und die Verantwortlichen vor Ort entscheiden, wen sie einstellen.
Im Großraum Wien organisieren wir Bewerbertage auf unserem PORR Campus. Da viele unserer Lehrberufe stark praxisorientiert sind, möchten wir auch sehen, wie die Bewerberinnen und Bewerber praktische Aufgaben lösen. Daher durchlaufen sie an einem halben Tag verschiedene Stationen. Dort prüfen wir handwerkliche Fähigkeiten und theoretisches Grundwissen.
Lehrlinge von PORR Österreich
Wer ist an diesen Bewerbertagen beteiligt?
Mein Team aus dem Lehrlingsmanagement, das Recruiting und die jeweiligen Fachbereiche arbeiten bei der Organisation der Bewerbertage eng zusammen. Außerdem sind die Ausbilderinnen und Ausbilder des PORR Campus sowie Lehrlinge eingebunden.
Für uns ist wichtig, dass die künftigen Ausbildungsverantwortlichen die Bewerberinnen und Bewerber persönlich kennenlernen und an der Auswahl beteiligt sind. Die endgültige Entscheidung liegt beim Fachbereich.
Worauf achten Sie bei der Auswahl?
Einerseits bewerten wir fachliche Fähigkeiten und handwerkliches Geschick. Andererseits beobachten wir, wie sich jemand in der Gruppe verhält. Wir achten auf einen respektvollen Umgang und darauf, ob jemand gut mit anderen zusammenarbeitet.
Ein weiterer Punkt ist die Motivation. Wir möchten herausfinden, ob sich jemand aus eigenem Interesse bewirbt oder vor allem deshalb, weil die Eltern oder Lehrkräfte dazu geraten haben. Wichtig sind die Bereitschaft, etwas zu lernen, und echtes Interesse am Beruf.
Wie stellen Sie eine möglichst objektive Bewertung sicher?
Für jede Station gibt es einen Bewertungsbogen, den die jeweils verantwortliche Person ausfüllt. Anschließend führen wir die Ergebnisse zusammen und besprechen sie mit dem Fachbereich. Wir betrachten nicht nur den Gesamtscore, sondern die einzelnen Aufgaben. Je nach Lehrberuf gewichten wir unterschiedliche Fähigkeiten. Bei einer angehenden Hochbauerin ist das handwerkliche Geschick besonders relevant. Sprachliche Lücken lassen sich häufig ausgleichen. Handwerkliches Talent lässt sich dagegen schwerer erlernen. Bei einem Büroberuf setzen wir wiederum andere Schwerpunkte. Weil mehrere Personen in die Beurteilung eingebunden sind, erhalten wir ein möglichst ausgewogenes Bild.
Was folgt auf einen erfolgreichen Bewerbertag?
Anschließend absolvieren die Bewerberinnen und Bewerber ein Schnupperpraktikum von fünf bis zehn Werktagen. Dabei lernen sie ihren möglichen künftigen Arbeitsplatz kennen. Die Jugendlichen erleben, wie ein typischer Tag abläuft, welche Tätigkeiten anfallen und wie die Arbeitsbedingungen sind. Das ist gerade bei gewerblichen Berufen wichtig. Beide Seiten sollen anschließend eine fundierte Entscheidung treffen können: Wir prüfen, ob jemand ins Team und zum Beruf passt. Die Bewerberinnen und Bewerber können beurteilen, ob ihnen die Arbeit tatsächlich gefällt.
Welche Rolle spielt der Ausbildungscampus in der Lehre bei PORR?
Der PORR Campus spielt eine zentrale Rolle. Wir betreiben den Ausbildungscampus in Wien seit 2019, vor allem für unsere Baulehrlinge. Sie kommen aus ganz Österreich für bis zu vier Wochen pro Jahr zu uns. Neben dem PORR Campus befindet sich ein Lehrlingswohnheim, in dem die Teilnehmenden aus den Bundesländern übernachten können. Eigene Ausbilderinnen und Ausbilder vermitteln ihnen dort praktische und theoretische Inhalte.
Dafür haben wir ein durchgängiges Curriculum vom ersten bis zum dritten beziehungsweise vierten Lehrjahr entwickelt. Die Dauer hängt davon ab, ob jemand eine einfache Lehre oder eine Doppellehre absolviert.
Welche Inhalte vermitteln Sie?
Neben der fachlichen Theorie und Praxis behandeln wir Themen, die für junge Menschen allgemein wichtig sind. Dazu gehören Gewalt- und Suchtprävention, Gesundheit und künftig auch Finanzbildung.
Die Lehrlinge können am PORR Campus außerdem einen internen Fahrausweis erwerben, damit sie ab 18 Jahren bestimmte Baugeräte bedienen dürfen. Wir verbinden also fachliche Anforderungen des Bauunternehmens mit Kompetenzen, die Jugendliche auch persönlich stärken.
Der PORR Campus ist eine freiwillige zusätzliche Ausbildungssäule. Nur wenige Bauunternehmen bieten eine vergleichbare Einrichtung. Darauf sind wir stolz.
Wie fördern Sie besonders motivierte oder leistungsstarke Lehrlinge?
Wir organisieren Wettbewerbe, bei denen sich die Lehrlinge miteinander messen können. In diesem Jahr haben erstmals die österreichweiten „PORR Skills“ in den Bereichen Hochbau, Betonbau und Tiefbau stattgefunden. Dafür sind Lehrlinge aus ganz Österreich nach Wien gereist. Besonders leistungsstarke Teilnehmende bereiten wir auf nationale Wettbewerbe vor. Wir nehmen regelmäßig an den Austrian Skills, den österreichischen Staatsmeisterschaften, teil. Auch die Vorbereitung auf solche Wettbewerbe findet am Campus statt.
Darüber hinaus bieten wir Vorbereitungskurse zur Lehrabschlussprüfung an. Lehrlinge, die internationale Erfahrungen sammeln möchten, können ein Auslandspraktikum absolvieren. Dort lernen sie andere Arbeitsweisen und Kulturen kennen. Es gibt somit viele Möglichkeiten, die eigene Lehre individuell zu erweitern.
Welche Möglichkeiten bietet eine Doppellehre?
Wenn zwei Berufe miteinander verwandt sind und wir beide ausbilden können, lassen sie sich kombinieren. Dafür gibt es bei uns sowohl im gewerblichen als auch im kaufmännischen Bereich zahlreiche Möglichkeiten. Viele Lehrlinge im Bauhauptgewerbe entscheiden sich für eine Doppellehre. Sie können beispielsweise Hochbau mit Betonbau oder Tiefbau kombinieren. Auch eine Verbindung von Tiefbau und Pflasterei ist möglich.
Wie groß ist das Interesse an „Lehre mit Matura“?
Grundsätzlich steht dieses Angebot allen Lehrlingen offen und wir unterstützen diesen Weg auch. Aktuell nutzen es Lehrlinge in Angestelltenberufen aber häufiger als jene in gewerblichen Bauberufen. Das liegt auch an den unterschiedlichen Karrierewegen. Wer sich im Baugewerbe etwa zum Polier oder Werkmeister weiterentwickeln möchte, braucht dafür in erster Linie einen Lehrabschluss und keine Matura. Viele Lehrlinge konzentrieren sich deshalb zunächst auf diese fachliche Laufbahn.
Welche persönlichen Kompetenzen brauchen Ausbilderinnen und Ausbilder heute?
Ihre fachliche Kompetenz bildet die Grundlage. Gleichzeitig verändert sich ihre Rolle. Sie vermitteln heute nicht mehr nur Wissen, sondern agieren zunehmend als Coaches. Dazu gehört, Lehrlinge zu unterstützen, ihnen sinnvolle Fragen zu stellen und sie dabei zu begleiten, selbst Lösungen zu entwickeln. Vor allem in späteren Lehrjahren gewinnt dieser Ansatz an Bedeutung. Empathie ist besonders wichtig. Sie müssen sich in junge Menschen hineinversetzen können. Gleichzeitig brauchen sie Resilienz, Geduld und die Fähigkeit, Motivation zu wecken und zu erhalten.
Auch Generationenkompetenz ist gefragt. Unterschiede zwischen den Generationen gab es zwar schon immer. Viele junge Menschen, die heute in die Ausbildung kommen, wurden jedoch durch die Coronapandemie und das Homeschooling geprägt. Darauf müssen Ausbildungsverantwortliche eingehen können. Aufgrund der Vielfalt unserer Belegschaft spielt außerdem der kompetente Umgang mit Diversity und Inklusion eine zentrale Rolle.
Wie unterstützen Sie die Ausbilderinnen und Ausbilder?
Wir organisieren regelmäßige Netzwerktreffen – zweimal jährlich persönlich sowie mehrmals digital. Das Netzwerk umfasst über 70 Lehrlingsbeauftragte und Lehrlingskoordinatorinnen und -koordinatoren, aus ganz Österreich. Ziel sind einheitliche Prozesse, hohe Qualitätsstandards und ein praxisnaher Erfahrungsaustausch. Die persönlichen Treffen widmen sich jeweils einem fachlichen Schwerpunkt.
Interview: Bettina Geuenich
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Bettina Geuenich
Chefredakteurin bei personal manager
Bettina Geuenich ist die Chefredakteurin der Fachzeitschrift und des Blogs personal manager. Sie beobachtet seit über 20 Jahren die HR-Szene in Österreich und schreibt darüber.