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Elternkarenz: Wieder da – und irgendwie doch nicht

Warum die Rückkehrquote nach der Elternkarenz allein viel zu wenig aussagt. Und was Unternehmen stattdessen messen und gestalten sollten.

Mehr als 90 Prozent. Mit dieser Zahl präsentiert sich das Unternehmen stolz auf der Homepage: Mehr als 90 Prozent der Mitarbeitenden, die in Karenz gehen, kehren anschließend zurück. Eine beeindruckende Zahl – zumindest auf den ersten Blick.

Aber oft auch der blinde Fleck. Denn die eigentliche Frage lautet nicht nur, ob jemand aus der Elternkarenz zurückkehrt, viel entscheidender ist, wie die Rückkehr aussieht. Was der Bericht nicht zeigt: Von den Rückkehrerinnen arbeiten über 70 Prozent in Teilzeit mit geringem Stundenausmaß, jede dritte wurde auf einer niedrigeren Position als zuvor eingesetzt, mehrere haben aufgrund beruflicher Degradierung resigniert. Sie sind physisch zurück, treten aber beruflich auf der Stelle. Einige werden das Unternehmen innerhalb der nächsten zwölf Monate ohne viel Aufhebens verlassen.

Mehr als eine Kennzahl

Karenzmanagement wird in vielen Unternehmen noch immer zu eng gedacht. Die Rückkehrquote aus der Elternkarenz ist eine bequeme Zahl, weil sie einfach zu erheben ist. Wer aber nur die Rückkehrquote misst, verwechselt Anwesenheit mit gelungener Reintegration. So gut sie auch in der Statistik aussehen mag, diese Zahl sagt wenig über Qualität und Nachhaltigkeit des Wiedereinstiegs oder über die Produktivität und Motivation danach aus. Es ist dieses brachliegende Potenzial, das Unternehmen am Ende mehr kostet, als ihnen bewusst ist.

Ein gutes Rückkehrmanagement vereint deshalb drei Perspektiven: die der zurückkehrenden Person, der Organisation und der Führungskraft. Erst im Zusammenspiel dieser Ebenen wird sichtbar, ob ein Wiedereinstieg wirklich gelingt. Nachstehend ein Überblick über die drei Perspektiven:

1. Perspektive: Die Rückkehrer:innen

Eltern kehren nicht als dieselben Menschen zurück, die sie vor der Karenz waren. Die Zeit mit Kind verändert Prioritäten, Flexibilität und Erreichbarkeit. Und oft auch die beruflichen Erwartungen.

Ein gelungener Wiedereinstieg beginnt deshalb mit einer einfachen Frage: Was braucht diese Person, um wieder gut Fuß zu fassen? Geht es um einen sanften Einstieg mit angepasstem Stundenmodell oder braucht es eine gänzlich neue Rolle mit echten Entwicklungsmöglichkeiten? Diese Fragen gehören nicht an den Rand des Prozesses, sondern an den Anfang.

Eine Reduktion des Stundenausmaßes entspricht oft den individuellen Lebenssituationen der Mitarbeitenden nach der Elternkarenz und muss sich den Betreuungsrealitäten, aber genauso den betrieblichen Kapazitäten und Teamanforderungen anpassen. Sie ist daher nicht automatisch als fehlende Motivation zu werten.  

2. Perspektive: Das Unternehmen

Die Unternehmensperspektive wird zumeist durch die HR-Abteilung vertreten. Auf organisatorischer Ebene entscheidet sich, ob Rückkehr als Ausnahmefall oder als normaler Bestandteil von Talent- und Nachfolgemanagement verstanden wird. Wer Rückkehr als Nebenthema behandelt, überlässt sie dem Zufall und verliert gute Mitarbeitende langfristig. Wenn Teilzeit, Elternschaft oder Karenzen automatisch zu weniger Verantwortung führen, ist das kein individuelles Problem, sondern ein kulturelles. Genau dort beginnt strukturelle Benachteiligung.

Wer die Rückkehr hingegen systematisch gestaltet und auch die Verantwortlichkeiten im Prozess abgrenzt, gewinnt Bindung, Wissen und Planungssicherheit.

Die Kunst – und gleichzeitig organisatorische Herausforderung – ist dabei, genügend Gestaltungsraum zu lassen: Ein gutes Modell ist nicht starr, sondern passt sich den Lebenssituationen an. Familienkonstellationen gibt es genau so viele wie Familien selbst: Alleinerziehende, Doppelverdiener, Patchwork-Familien, etc. Und jede braucht andere Rahmenbedingungen.

3. Perspektive: Die Führungskraft

Und dann gibt es noch die Führungskraft: Sie ist die Schlüsselfigur und oft zugleich die am wenigsten vorbereitete. Sie entscheidet im Alltag, welche Aufgaben jemand übernimmt, wie gut die Rückkehr ins Team gelingt und ob aus einem Wiedereinstieg nach der Elternkarenz ein echter Neustart wird oder nur ein zäher Kompromiss. Denn allzu oft entstehen durch schlecht begleitete Wiedereinstiege Spannungen im Team, die schnell zu zur Überforderung und Ablehnung auf verschiedenen Seiten führen.

Die gute Nachricht: Führungskräfte können viel bewirken. Die schlechte: Sie sollen es oft zusätzlich zu ihrem ohnehin vollen Tagesgeschäft tun, dabei aber fair, individuell und wertschätzend agieren, allerdings meist ohne ausreichend Zeit, Schulung oder Rückhalt.

Was Führungskräfte brauchen

Realistisch haben Führungskräfte nur begrenzt Zeit und müssen primär Produktions- oder Leistungsziele absichern. Sie jonglieren operative Lücken, Teamdynamiken, individuelle Arbeitszeitmodelle – zusätzlich zum laufenden Führungsalltag.

Obendrauf kommt etwas, das selten laut ausgesprochen wird: Fast jede Führungskraft trägt in sich unbewusste Annahmen darüber, was Elternschaft für Verfügbarkeit und Leistungsfähigkeit bedeutet. Ob jemand nach der Karenz ein wichtiges Projekt bekommt oder eine Förderempfehlung, entscheidet sich nicht immer in einem formalen Prozess, sondern durch unbewusste Einschätzungen.

Appelle an Empathie und Reflexion reichen dafür nicht aus. Führungskräfte brauchen klare Standards und verlässliche Strukturen, um Wiedereinstiege im Alltag konsistent gestalten zu können. So ist Rückkehr nicht mehr vom Goodwill einzelner abhängig, sondern von Rahmenbedingungen, die betriebswirtschaftlich tragfähig und im Alltag tatsächlich umsetzbar sind.

Das dahinterliegende Problem ist nämlich: Wenn der Wiedereinstieg dann nicht gut läuft, wird das Scheitern fast immer der zurückkehrenden Person zugeschrieben. Zu wenig Einsatz, zu wenig Flexibilität, zu wenig Ehrgeiz. Dabei war das Scheitern oft vorprogrammiert, weil niemand die Führungskraft befähigt hat, diesen Prozess professionell zu begleiten.

Wer das ändern will, befähigt seine Führungskräfte: Sie brauchen Bewusstsein für ihre eigenen blinden Flecken – und die Organisation muss ihnen das Signal geben, dass dieser Prozess keine lästige Zusatzaufgabe ist, sondern integrale Führungsaufgabe. Wer das ernst meint, stellt ausreichend Zeit zur Verfügung und grenzt Verantwortlichkeiten zur HR ab.

Was Unternehmen messen sollten

Sinnvoller als nur die Rückkehrquote zu erheben, sind weitere Kennzahlen, die die Qualität der Reintegration messen: Die Kompetenz der Wiedereinsteigenden, die Nachfolgeplanung, Fluktuation von Rückkehrenden innerhalb der ersten 12 Monate und Kosten, die durch Abgänge entstehen – Daten, die entscheidungsrelevant sind und zeigen, wie ein Wiedereinstieg organisatorisch tragfähig ist.

In der Praxis geht es dabei um drei Dimensionen: die tatsächliche Kompetenz, die Entwicklungskontinuität nach dem Wiedereinstieg und die Frage, ob das gewählte Modell im Teamkontext funktioniert.

Unternehmen, die diese Aspekte systematisch messen, erkennen frühzeitig, ob ein Wiedereinstieg gelingt – oder ob sich schleichend Dequalifizierung, Überlastung im Team oder erhöhte Fluktuationsrisiken aufbauen.

Die Herausforderung liegt dabei weniger in der Datenerhebung als in der strukturierten Auswertung: Nur wenn diese Kennzahlen in klare Entscheidungslogiken übersetzt werden, können sie im Führungsalltag wirksam sein.

Fazit

Erinnern Sie sich an die 90 Prozent? Diese Zahl vom Anfang, mit der sich das Unternehmen stolz auf der Homepage präsentiert? Sie ist nicht falsch. Sie ist nur unvollständig. Und genau das ist so gefährlich: Unvollständige Zahlen erzeugen ein unvollständiges Bild – obwohl der eigentliche Verlust viel mehr kostet als im ersten Moment sichtbar ist.

Die Rückkehrquote ist kein Erfolgsbeweis, denn sie zeigt nur, dass jemand wieder da ist. Ob daraus eine gute Rückkehr wird, entscheidet sich in der Rolle, der Verantwortung und der Führungsqualität.

Wer Elternkarenzmanagement strategisch denkt, muss deshalb auf drei Ebenen handeln: die Person ernst nehmen, die Organisation klar aufstellen und Führungskräfte wirksam befähigen. Nur dann wird aus dem Wiedereinstieg mehr als eine formale Rückkehr.

Denn am Ende geht es nicht darum, Menschen irgendwie zurückzubringen. Es geht darum, Rollen zu schaffen, die Stundenmodell, Aufgaben und Leistung realistisch verbinden – und so nachhaltige Bindung ermöglichen.

Und die Rückkehrquote ist lediglich ein Indikator dafür.

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Tabea Reicher

Inhaberin bei Alles bisschen viel
Tabea Reicher ist Vereinbarkeitsexpertin und Gründerin von "Alles bisschen viel", ein Beratungsunternehmen, das Unternehmen, Führungskräfte und Eltern bei der Entwicklung von Vereinbarkeits- und Karriereprogrammen unterstützt. (Foto: Press the Button)