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So funktionieren Lernreisen: Ein bewegender Weg zu einer neuen Lernkultur

Zwischen Stadtführung und Expedition: Lernreisen sind ein Konzept, das Lernkultur verändert – von passivem Konsum zu aktivem Gestalten. Wer es ausprobiert, bleibt dem Format oft treu.

Zwischen Stadtführung und Safari: Lernen in Bewegung

Lernen als Reise zu begreifen, mag auf den ersten Blick verspielt wirken – doch die Metapher trifft erstaunlich präzise, wie Lernen in Unternehmen gelingen kann.

In beiden Fällen gibt es eine Destination – eine Vorstellung, was man erleben oder erreichen möchte, manchmal klar umrissen, manchmal noch eher vage. Meistens brechen wir freiwillig und erwartungsvoll auf. Es gibt einen Beginn, ein Ende und dazwischen eine Route mit Etappen und nicht selten auch Überraschungen oder unerwartete Umwege. Und das Wichtigste: Selten ist man ganz allein unterwegs. Eine Reise bedeutet, sich in Bewegung zu bringen – raus aus der Routine, rein in neue Erlebnisse und Erkenntnisse. Und das passt gut zum Lernen. Lernen ist ein Prozess und kein punktuelles Ereignis, manchmal mühsam, manchmal leichtfüßig.

Lernreisen sind kein weiteres Trainingsformat, sondern ein eigenständiger Zugang zu organisationalem Lernen, der sich bewusst von „schulischen” Formaten abhebt und somit zu den „neuen Lernformaten” zählt: Sie funktionieren in selbstgesteuerten Gruppen, in denen sich Mitarbeitende freiwillig über begrenzte Zeit regelmäßig treffen – typischerweise in wöchentlichen Sessions über einen Zeitraum von etwa 13 Wochen. Die Lernreisenden bringen eigene Fragen und Ziele mit, reflektieren gemeinsam, bauen Wissen und Kompetenzen auf – und entwickeln sich so kontinuierlich weiter.

Struktur gibt Halt ― Offenheit schafft Tiefe

Das Spektrum möglicher Ausprägungen solcher Lernreisen ist breit, genauso wie die Vielfalt der Bezeichnungen für Lernreisen. Begriffe wie Peer-Learning, Lernzirkel (Learning Circles) oder kollaborativ-agiles Lernen betonen unterschiedliche Aspekte, die Konzepte sind sich in vielen Elementen aber ähnlich. Allen gemeinsam ist, dass eine kleine Gruppe freiwillig und selbstgesteuert über einen definierten Zeitraum ein selbst gewähltes Lernziel verfolgt.
Was es jedenfalls für eine Lernreise braucht:

  • eine Lern- beziehungsweise Reise-Gruppe, die sich freiwillig und gemeinsam auf den Weg macht
  • einen regelmäßigen, meist wöchentlichen Termin für ein (Online-)Treffen von etwa einer Stunde
  • einen gemeinsamen Lernpfad als Guide und/oder ein gemeinsam zu erschließendes Thema
  • ein gemeinsames Tool (Whiteboard, OneNote …) für das Sichern von Inhalten und (gemeinsamen) Erkenntnissen
  • ein persönliches und ausdefiniertes Ziel für diese Reise, die z. B. auf dem Whiteboard transparent gemacht wird
  • selbstorganisierte (Lern-)Zeit, um sich zwischen den Treffen mit den Aufgaben und dem Lernziel zu beschäftigen

Manche Reisen erinnern an eine Stadtführung: klarer Zeitplan, definierte Stationen, ein vorgegebener roter Faden, der durch das Thema führt, so zum Beispiel Lernpfade wie Working Out Loud oder lernOS. Hier gibt es eine Art schriftlichen Reiseführer, der über klare Haltestellen und Wochenaufgaben auf einer definierten Route Anleitung und Orientierung gibt – und dennoch Raum lässt für eigene Erkundungen. Inhalte und Aufgaben sind hier bereits fertig kuratiert.

Andere Lernreisen gleichen einer Safari: Das Gebiet – etwa New Work oder Digital Leadership – ist definiert, doch die Stationen auf der Reise ergeben sich flexibel je nach Dynamik und individuellem Interesse. Das verlangt mehr Eigenverantwortung und ein wenig Erfahrung mit dem Format.

Und dann gibt es Expeditionen – Lernreisen ins Unbekannte. Eine kleine Gruppe startet mit einer großen Leitfrage oder Vision und erschließt sich Neuland. Dies erfordert Motivklarheit zu Beginn und konsequente Navigation auf der Reise.

Und manchmal plant man eine Stadtführung – und befindet sich wenig später auf einer Expedition. Das haben beispielsweise einige Gruppen in ihren Lernreisen der Corporate Learning Community im Frühjahr 2025 erfahren: Sie sind mit einem strukturierten 13-Wochen-Lernpfad gestartet – und weil dieser unterwegs für die erklärten Ziele der Teilnehmenden nicht mehr passend war, entschied die Gruppe kurzerhand, „frei“ in ihrem „Lerngelände“ unterwegs sein zu wollen. Auch so kann sich Eigenverantwortung der Reisenden zeigen, wenn sie das eigene Lernziel konsequent verfolgen.

Es ist wie Reisen in andere Länder, es braucht nicht nur Neugier, sondern auch Risiko- und Anpassungsbereitschaft. Der Lohn: echte Lernerfahrungen mit hohem Umsetzungspotenzial in der Praxis, vor allem durch kritische Fragen, selbstständiges Üben und intensiven Austausch.

Infobox: Anleitung für Lernreisen

  1. Formuliere dein Reiseziel
    Finde ein Thema und definiere dein Reiseziel: Was möchtest du lernen? Wofür? Was ist deine Intention, dafür Zeit und Energie zu investieren? Welches Gebiet möchtest du erkunden? Was willst du am Ende deiner Reise erfahren oder geschaffen haben?
    Formuliere dein Lernziel klar, überprüfbar und am besten schriftlich.
  2. Packe deine Sachen
    Finde eine Gruppe lernwilliger Reisebegleiter:innen (Learning Circle). Vier bis sechs Personen sind eine ideale Gruppengröße. Achte auf ein gutes Team-Set-up. Macht eure Lernziele transparent.
    Vereinbare regelmäßige Termine (Learning Sprint). Am besten trefft ihr euch immer an einem Ort (real oder virtuell) und anhand der definierten Meetingstruktur.
    Schaffe Infrastruktur: Legt einen asynchronen Kommunikationskanal für die gemeinsame Reise fest und schafft ein gemeinsames Whiteboard, das sich über die komplette Reise mit euren Erkenntnissen füllt. Natürlich kannst du dir auch ein eigenes Notizbuch für individuelle Erkenntnisse deiner Reise zulegen.
  3. Kläre die Reiseroute
    Folge dem Lernpfad. Greife auf bestehende Lernpfade zurück (z. B. lernOS) oder definiere in der Gruppe die gemeinsame(n) Lerndestination(en).
    Lege den Weg fest. Wenn ihr euch auf freie Expedition begebt, klärt vorab, welcher Arbeitsstruktur ihr folgen wollt. Sorge dafür, dass jeder Termin moderiert ist und dass es entsprechende Aufgaben und zu bearbeitende Themenstellungen für die Wochenetappen gibt.
  4. Sei neugierig und suche interessante Möglichkeiten
    Sei diszipliniert und konsequent. Verfolge deine Ziele, stelle dich den wöchentlichen Aufgaben. Bleib aber offen und neugierig („beginner’s mindset“).
    Passe deine Ziele entsprechend an, wenn du neue Erkenntnisse gewonnen hast. Die Verantwortung für dein Lernergebnis trägst nur du selbst.
    Ideal sind drei Phasen: Eintauchen, Zusammenfügen, Umsetzen
  5. Halte inne und reflektiere
    Neben allen inhaltlichen Erkundungen: Achte auch auf dich selbst sowie auf die Gruppe. Dafür sind Boxenstopps sowie ein gemeinsamer Closing-Termin sehr wertvoll. Was funktioniert gut in der Zusammenarbeit? Worauf werdet ihr verstärkt im gemeinsamen Tun achten? Gibt es positive oder negative Spannung im Team? Wie wollt ihr damit umgehen?
  6. Fasse zusammen und sichere deine Erfolge
    Mach dir deine Erfolge bewusst. Es gibt immer individuelle Lernerfolge, aber nicht zwingend gemeinsame Lernerfolge.

Serendipity erwünscht

Ein wesentliches Prinzip der Lernreise ist ihre Nicht-Linearität. Was unterwegs passiert, ist nicht immer planbar – und genau das ist gewollt. Denn oft sind es gerade die zufälligen Entdeckungen, die hängen bleiben: ein Gedanke, der in einem Nebensatz in der Diskussion aufblitzt; ein Aha-Moment bei der Reflexion; ein Impuls aus einem ganz anderen Kontext, der plötzlich Relevanz gewinnt. Dieses „was mir sonst noch ins Netz geht“ – die Serendipity – ist nicht Nebensache, sondern integraler Teil des Konzepts.

Lernreisen fördern genau diese Dynamik, indem sie Impulse geben, aber keine (zu) engen Bahnen vorschreiben. Lernen wird so zum lebendigen Prozess – getragen von der Gruppe, aber getrieben von individuellen Fragen.

„Sophisticated Simplicity”

Lernreisen sind in ihrer Struktur recht simpel. Es braucht lediglich die oben genannten Ingredienzen, und schon kann man loslegen. Aber wie bei allen Formaten, die auf Selbstorganisation setzen, ist die Struktur entscheidend, damit sie nicht in „Selbstüberlassung” enden. Ein klarer Rahmen, der eingehalten wird, ermöglicht hohe inhaltliche Freiheiten. Angelehnt an agile Ansätze können die einzelnen Wochen als Sprints gesehen werden, die ein zyklisches Arbeiten ermöglichen. Die Struktur ist vorgegeben oder vereinbart und wird unterwegs nicht infrage gestellt. Regelmäßige Retrospektiven oder Boxenstopps sorgen für (An-)Passung. Somit wird auch eine gute Portion Disziplin von allen Mitreisenden verlangt, sich in diesen Rahmen einzufügen und gemeinsames Lernen zu ermöglichen.

Für wen ist das was?

Lernreisen sind einladend – aber nicht für alle gleichermaßen geeignet. Sie setzen Eigenmotivation, Offenheit und ein Mindestmaß an Organisation und Selbstkompetenz voraus.

Wer sich auf eine Lernreise begibt, muss nicht alles wissen – aber bereit sein, Verantwortung für das eigene Lernen zu übernehmen. Es gibt keine zugewiesene Trainer:innen- oder Moderator:innen im Prozess, und damit auch keine klassische Teilnehmer:innenrolle. Stattdessen: Mitgestaltung, Rollenwechsel, aktive Beiträge. Wer dabei bleibt, wächst an der Aufgabe – und mit jeder weiteren Reise wird es leichter.

Ein Pluspunkt: Lernreisen lassen sich gut in den Arbeitsalltag integrieren – sofern die Rahmenbedingungen und Führungskultur dies zulassen. Viele Gruppen treffen sich digital – auch mal über Mittagspausen, vor Bürostart oder zu anderen ungewöhnlichen Zeiten, wenn es für alle Reisenden gut passt. Lernreisen fördern dabei nicht nur Kompetenzen, sondern auch Beziehungen, Perspektivenvielfalt und Dialogfähigkeit.

Stolpersteine und Gelingensbedingungen

Natürlich gibt es auch Hürden. Die größte ist die Gruppenbildung: Wer reist mit – und vor allem wohin? Wie finde ich die richtigen Mitstreitenden? Das lässt sich in Unternehmen leicht zum Beispiel mit einem Kick-off bewerkstelligen, für Einzelpersonen helfen Tools wie die Plattform peerfinder.app.

Ohne Unterstützung des Managements, transparente Kommunikation und ein gewisses Maß an Marketing bleibt das Format aber in der Nische. Selbststeuerung bedeutet auch, dass Lernprozesse auf Lernreisen für Management und Personalentwicklung nicht sofort sichtbar werden. Das erfordert Vertrauen und Geduld. Beides wird oft belohnt: Reisende finden häufig Lösungen, die im Alltag auch ankommen.

Ein zweiter kritischer Punkt ist die Lernkultur. Wo Lernen bislang stark formalisiert war, kann die Idee der Selbstorganisation ungewohnt oder sogar irritierend wirken. Doch genau hier liegt die Chance: Lernreisen machen das Thema „Selbstverantwortung fürs Lernen“ konkret erlebbar. Viele Teilnehmende berichten, wie erfrischend und wirksam Lernen in selbstgesteuerten Gruppen sein kann – gerade im Kontrast zu klassischen Formaten. Und Lernreisen ermöglichen noch etwas: Sie fördern Metakompetenzen wie Lernkompetenz und Selbstführung.

Warum Lernreisen wirksam sind

Drei Dinge machen Lernreisen besonders wirksam:

  1. Lernen in der Gruppe: Das gemeinsame Erkunden motiviert, schafft soziale Bindung und erhöht die Verbindlichkeit. Kaum jemand möchte die Person sein, die beim nächsten Treffen nichts beitragen kann.
  2. Aktivität statt Konsum: Lernende sind aktiv beteiligt, reflektieren, wenden an –
    und bleiben durch kleine, regelmäßige Schritte am Ball.
  3. Transfer von Anfang an: Die Anwendung des Gelernten wird nicht ans Ende delegiert, sondern ist integraler Bestandteil des Wegs. Das sorgt für nachhaltige Ergebnisse.

Fazit: Einfach loslegen

Lernreisen sind kein Allheilmittel – aber ein kraftvolles Format in der Toolbox moderner Personalentwicklung. Sie ersetzen keine Fachseminare, keine E-Learnings, keine Coachings – aber sie ergänzen diese auf einzigartige Weise. Wer Lernen als kontinuierlichen, selbstbestimmten Prozess versteht, findet in der Lernreise ein Format, das Motivation und Struktur verbindet. Wer Lernkompetenz aufbauen möchte, ebenso.
Am besten erschließt sich das Potenzial einer Lernreise, wenn man selbst erste Schritte wagt – idealerweise im kleinen Rahmen, freiwillig und mit offenem Ausgang. Die nötigen Tools und Communitys stehen bereit (siehe weiterführende Informationen).

Wer sich selbst aufmacht, entdeckt nicht nur neue Inhalte – sondern auch neue Wege des Lernens. Man könnte sagen: Reisen bildet – besonders in der Gruppe.

Quelle: Dieser Artikel ist im personal manager, Ausgabe 5/2025 erschienen

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Mag. Herwig Kummer

Leiter Personalmanagement bei ÖAMTC Wien, Niederösterreich und Burgenland | https://personaleum.at
Herwig Kummer ist Personalmanager beim Österreichischen Automobil-, Motorrad- und Touring Club (ÖAMTC). Mit seinem Engagement für wirkungsvolle Personalarbeit beschreitet er auch ungewöhnliche Wege. Auf der kommenden L&Dpro hält er eine Keynote über selbstgesteuertes Lernen in der Praxis. Darüber bloggt er auch unter www.personaleum.at
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Clemens Stieger

Geschäftsführender Gesellschafter bei GfP | https://www.gfp.at/
Clemens Stieger ist geschäftsführender Geschäftsführer der GfP. Er ist Psychologe, systemischer Psychotherapeut, Organisationsberater und seit vielen Jahren als Personal- und Organisationsentwickler tätig. Seine Schwerpunkte sind innovative Lernarchitekturen, agile Lernformate und Leadership Development.
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